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Im Gespräch mit Dietrich Graf

Die Erfahrungen und Gedanken führender Naturschützer der Sächsischen Schweiz einem breiten Publikum zugänglich zu machen, dies wollen wir als ein Anliegen dieses Heftes verstehen.

Wir freuen uns, daß wir mit Dietrich Graf als denjenigem Naturschützer sprechen konnten, ohne dessen über dreißigjähriges Engagement für die Sächsische Schweiz die heutige Errichtung des Nationalparks kaum möglich geworden wäre.

Dietrich Graf ist in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen, arbeitet seit 1954 in der heimischen Forstwirtschaft und ist seit 1962 in verantwortlicher Funktion als Leiter des Forstamtes Lohmen ( bis 1991 Oberförsterei Hohnstein ). Er wohnt am Basteiwald abseits von Rathewalde.

Dietrich Graf fühlt sich, wie er selbst sagt, nur als dienendes Glied in einer langen Kette von namhaften Naturschützern in der Sächsischen Schweiz.

Wir freuen uns, daß Dietrich Graf die Zeit für das nachfolgende Gespräch fand.

1. Herr Graf seit nunmehr 31 Jahren sind Sie Kreisnaturschutzbeauftragter für den Landkreis Sebnitz. Was führte Sie zum Naturschutz?

Im Elternhaus zu Goethescher Naturschau erzogen, begriff ich Natur bald als Aufgabe im Sinne von Erbepflege. Schon in meiner Lohmener Dorfjugendzeit war mir Naturbewahrung etwas Unverzichtbares, eine Gewähr für Lebensqualität. So kam ich dann auch zu meinem Waldberuf und zu meiner freiwilligen Tätigkeit im Naturschutz.

Dietrich Graf bei einer Exkursion im Liliensteingebiet im April 1992

2. Was waren für Sie die wichtigsten Zielsetzungen Ihrer langjährigen Naturschutzarbeit und Ihre wichtigsten Vorhaben?

Im Laufe meiner ehrenamtlichen Naturschutzarbeit konzentrierte ich mich neben Vorschlägen zur eigentlichen Naturschutzstellung von gefährdeter Natur vor allem auf folgende Schwerpunkte:

Naturschutzarbeit war für mich immer eine Art Bürgerbewegung. Sie entstand zwar auf gesetzlicher Grundlage im Rahmen des ehrenamtlichen staatlichen Naturschutzes, bildete aber vom Wesen her im Kreis Sebnitz stets eine freiwillig und uneigennützig handelnde Gilde von Gleichgesinnten, ohne dabei ein Verein zu sein.

Unsere unmittelbare Arbeit wird demnächst allerdings einen Abschluß finden. Der Landkreis Sebnitz, vor 40 Jahren aus dem Nordteil des Kreises Pirna entstanden, will bei der bevorstehenden Kreisreform wieder mit Pirna zusammengehen. Wir streben schon jetzt im Naturschutz eine Verwaltungsgemeinschaft mit dem Landkreis Pirna an, um das Auslaufen unserer Arbeit besser vorbereiten zu können.

3. Welche für die Landschaft negativen Vorhaben konnten Sie in der Vergangenheit verhindern?

Naturschutz ist vom Inhalt her meist Opposition und zwar Opposition gegen maßlose Landnutzung. Das war schon vor 150 Jahren bei der ersten Naturschutzmaßnahme im Meißner Hochland so, als 1840 der Basaltsteinbruch am Stolpener Burgberg zum Schutze dieses bedeutenden geologischen Denkmals stillgelegt wurde, und setzt sich bis zur Jetztzeit fort. Die Bebauung der freien Landschaft ist da nur einer von vielen Konfliktsektoren.

Manches Bauungetüm konnte in der Vergangenheit für den Kreis Sebnitz abgewendet werden:

Gegen eine unbegrenzte Landnutzung richteten sich auch die Landschaftspflegepläne für unsere Pillnitzer Elbhänge, das Schönfelder Hochland und das Lausitzer Bergland.

Außerdem wurde ausgiebig um die Rangordnung von Naturschutz und Erholungswesen gerungen. Neben einer allgemeinen Besucherlenkung und Verhaltensordnung waren für die Sächsische Schweiz der Sandreißenverbau in den Klettergebieten, die Aktion "Sauberes Gebirge", die Nichtanerkennung von "Quacken" als Klettergipfel und vor allem das Verbot der Massivkletterei sowie die Ausweisung ständiger Reservate bzw. befristeter Artenschutzzonen deutliche Zeichen stärkerer Naturschutzeinflußnahme auf die bergsportliche Nutzung.

Den Startschuß dazu gaben wir bei einer Zusammenkunft mit maßgeblichen Felskletterem am 11.4.1970 in der Felsenmühle, wo wir bis nach Mitternacht ganz offen über einbesseres Engagement der Bergsteiger für den Naturschutz sprachen. Ähnlich unvergessen bleibt mir auch der 30.10.1982 in Erinnerung, als zum 2. Landschaftstag Sächsische Schweiz in Sebnitz meine aufrüttelnden Worte nicht bloß beim entsetzten Konferenzpräsidium eine vorgefaßte Meinung durcheinander brachten. Wir haben eingentlich nie geschwiegen, wir blieben auch immer tätig selbst all die vielen Mißerfolge konnten uns nicht entmutigen.

4. Sie sprechen von Mißerfolgen. Welche markanten Fehlentscheidungen konnten Sie in der Zeit vor 1989 nicht verhindern?
Halten Sie einen Rückbau oder Abriß bestimmter Objekte zukünftig für denkbar?

Aus der DDR-Zeit stammen leider manche Baulichkeiten an völlig abzulehnenden Isolierstandorten, in der Sächsischen Schweiz zählen dazu die Kälberaufzuchtanlage bei Lichtenhain, das Ferienheim Zeughaus, die Flugsicherungsanlage auf der Emmabank bei Hinterhermsdorf oder die Wochenendsiedlung auf der Lade bei Goßdorf. Auch der Erweiterungsbau des Bandstahlveredlungswerkes Porschdorf in das Polenztal hinein kam einem Isolierstandort gleich.

Genauso landschaftszerstörend waren aber auch die zahlreichen Dellenverfüllungen mit Müll und Abraum. Der von Privatpersonen flächendeckend betriebene Blaufichtenanbau am Saupsdorfer Wachbergrücken bildete sogar den Auftakt für eine neue und äußerst landschaftswidrige Landnutzungsform im Landschaftsschutzgebiet Sächsiche Schweiz.

Sicher ließe sich künftig einiges von derartigen Fehlentwicklungen mit hohem Aufwand korrigieren; der inzwischen begonnene Abbau der oberirdischen Heizungsleitung unterhalb der Kohlmühle im Sebnitztal ist dafür ein erstes hoffnungsvolles Zeichen.

Noch mehr sollte aber darauf geachtet werden, daß sich solche Fehler der Vergangenheit nicht mehr wiederholen. Die landschaftliche Entwertung des Ungerberges bei Neustadt durch den eilfertigen Bau eines 75 m hohen TELEKOM-Standardturmes im Spätherbst 1991 ist dafür leider schon wieder ein mahnendes Beispiel.

5. 1990 wurde der Beschluß zum Nationalpark gefaßt. Ein Viertel der Sächsischen Schweiz hat damit einen hohen Schutzstatus. Ist damit eines ihrer Ziele erreicht, sind Sie zufrieden mit diesem Ergebnis?

Manche bezeichnen die Nationalpark-Festsetzung als die Krönung unserer bisherigen Arbeit. Diesem Höhenflug kann ich nicht ganz folgen. Mich beunruhigen vielmehr immer wieder zwei offene Fragen:

Ich wünsche mir, daß solche Befürchtungen nicht eines Tages bittere Wahrheit werden.

6. Sie vertreten ja seit Jahren die Auffassung, daß die Sächsische Schweiz als Gesamtlandschaft, d.h. als Naturund Kulturlandschaft, zu betrachten ist und als solche geschützt werden muß. Welche Schritte halten Sie für notwendig, um eine Aufspaltung der Gesamtlandschaft in streng und in ungenügend geschützte Teile zu verhindern?

In Mitteleuropa gibt es keine unberührten Naturräume mehr. So ist auch aus dem einzigartigen Naturraum Elbsandsteingebiet durch jahrhundertelange Landnutzung längst die heutige Landschaft der Sächsischen Schweiz gestaltet worden.

Aufgrund einer recht naturnahen Landnutzung entstand allerdings eine ausgesprochen naturbetonte Landschaft, die durch den Wechsel von Wald und Offenland sogar eine höhere biotische Mannigfaltigkeit als der ursprünglich geschlossen bewaldete Naturraum aufweist.

Landschaft ist immer Naturprodukt und Menschenwerk in einem. Will man Landschaftbewahren, erscheint die Kategorie Landschaftsschutzgebiet dazu am geeignetsten. Soll jedoch die Rückentwicklung zum Wildnisgebiet eingeleitet werden, kommt je nach Flächengröße Nationalpark, Naturschutzgebiet oder Flächennaturdenkmal in Frage.

In Großräumen sind mitunter sogar beide Flächenschutzverfahren ratsam, zumal sie auch zu einer allgemein wünschenswerten Zonierung der Naturschutzbestrebungen führen. Die kleinflächiger ausgeschiedenen Wildnisgebiete liegen dann eingebettet im wesentlich großflächiger festgesetzten Landschaftsschutzgebiet und sind somit von einer mitgeschützten Vorzone umgeben. Aus einem solchen Herangehen leitet sich auch der Vorrang de sGesamtgebietes ab: Nurwenn das Landschaftsschutzgebiet richtig funktioniert, bleibt auf den Vorbehaltsflächen im Inneren auch die Rückentwicklung zum Wildnisgebiet ungestört.

Im Falle der Sächsischen Schweiz liegen zwei rechtselbische Nationalparkteile inmitten des Landschaftsschutzgebietes, das insgesamt daher als Nationalparkregion bezeichnet wird und de facto außerdem dem Grundanliegen eines Bioshärenreservates durchaus sehr nahe kommt.

Wieviele Wildnisgebiete sich ein Land leisten kann, hängt nicht bloß von der jeweils erhaltengebliebenen Naturnähe ab, sondern richtet sich verständlicherweise auch nach der Wirtschaftskraft des Landes. In der Nationalparkregion Sächsische Schweiz wäre eigentlich noch ein dritter Nationalparkteil im linkselbischen Gebiet der Steine denkbargewesen.

Nationalpark bedeutet in Mitteleuropa gemäß internationalen Normen vorrangig Rückentwicklung zum Urwald, der Schutz geomorphologischer Formen ist dabei zweitrangig. Dieses für die Sächsische Schweiz aber so überaus wichtige Schutzanliegen muß nach wie vor ganzheitlich durch den Fortbestand als Landschaftsschutzgebiet abgesichert werden. Gegenwärtig wird daher auch geprüft, ob die bislang vom Naturschutz sträflich vernachlässigte Nordwest-Flanke des Elbsandsteingebietes, das ja dort bekanntlich bis zum Lieblingstal bei Dittersbach reicht, noch dazu genommen werden kann.

Die Landschaft der Sächsischen Schweiz darf durch die Nationalpark-Ausweisung also nicht in ein Viertel streng und drei Viertel weniger streng geschützt unterteilt werden.

Lediglich die Abläufe natürlicher Vorgänge sind in dem Nationalpark-Viertel strenger abgesichert, woraus sich auch eine völlig neuartige Waldbehandlung ableitet.

7. Sie sind Naturschützer und gleichzeitig als Leiter des Forstamtes Lohmen auch Förster. In wieweit können Sie Naturschutzaufgaben und Forstaufgaben verbinden? Wie sehen Sie die Verbindung von Forst und Naturschutz früher und heute? Gibt es die Gefahr des Auseinanderdriftens?

Es ist mein persönliches Schicksal, daß ich als Naturschützer mehr bekannt geworden bin, als durch meinen eigentlich ebenso öffentlichen Waldberuf. Ich hatte das große Glück, von Anfang an in den Wäldern meiner Kindheit tätig zu sein. Der Wald stellt immer noch die ursprünglichste aller Naturressourcen unseres Landes dar. Sicherlich sind wir Förstermehr Landnutzer als Naturschützer. Das Verhältnis von Natur und Mensch stellt sich für uns jedoch als ein ganz entscheidendes und berufsbestimmendes Beziehungsgefüge dar. Naturbetonter Waldbau verlangt vom örtlichen Wirtschafter stets hohe Natursicherheit. Mit Waldbau gestalten wir ja auch wichtige Lebensräume.

Insofern war der Naturschutz bisher bei vielen Förstern in guten Händen. Freilich, extremen ökologischen Erwartungen konnten wir nicht nachkommen, es ging immer um Ökologie und Ökonomie im Ganzen.

Der Naturschutz hat sich in letzter Zeit auffällig verselbständigt, er ist inzwischen für viele Leute sogar zum Beruf geworden - hoffentlich aber nicht im Hintergrund von erhoffter Beamtung auf Kosten der inneren Berufung.

Waldbauer gestalten, Naturschützer bewahren - eine gemeinsame Waldgesinnung vermag sicherlich auch künftig ein Auseinandergehen zu verhindern.

Für den gesicherten Fortbestand unserer bäuerlichen Landschaft wird außerdem der künftige Umfang des Landschaftspflege-Beitrages entscheidend sein. Das ist auch besonders wichtig für das Fremdenverkehrsgebiet Sächsische Schweiz. Wenn allein der jetzige Offenlandanteil infolge Flächenstillegung durch Verbuschung oder Aufforstung verlorengänge, wären die beliebten Rundsichten und Tiefblicke vom stockwerkartig gegliederten Elbsandsteingebiet erheblich beeinträchtigt. Der Bauer bedarf also hier im öffentlichen Interesse einer gezielten Förderung durch Staat und Gesellschaft.

Der Naturschutz ist künftig noch viel mehr als bisher auf zuverlässige Verbündete aus dem landnutzenden Bereich, aber auch aus dem gesamten Bevölkerungskreis angewiesen.

Die Gilde der aufrechten Naturschützerwird allerdings immer in der Minderheit bleiben. Es ist unbequem und entbehrungsvoll, ein Anwalt der Natur zu sein. Mit der weiteren Verstädterung der Menschen wird außerdem eine noch größere Naturentfremdung unserer Mitbürger einhergehen - wer kann denn heute schon noch mit innerer Anteilnahme um die gefährdete Natur bangen?

8. Es ist eine starke Eigentumswandlung im Forst festzustellen. Vielerorts existiert wieder Privatwald. Löst dies Probleme oder bringt es neue?

Der Privatwald ist den zahlreichen Eigentümern wieder zur selbständigen Bewirtschaftung übergeben worden.

Viele Privatwaldbesitzer trifft das völlig unvorbereitet, nur wenige verfügen noch über waldbauliche oder gar naturschützerische Erfahrung. Beide Seiten - Forstwirtschaft und Naturschutz - haben hier in der Bildungsarbeit großen Nachholebedarf.

Einige Privatwaldflächen liegen auch in den beiden Nationalparkteilen. Hier den Besitzer für die Bewahrung natürlicher Abläufe in seinem Wald zu gewinnen, wird besonders schwer werden, zumal der Begriff "Wildnis" in der deutschen Sprache bei vielen Mitmenschen keine großen Wertvorstellungen weckt. Möglicherweise wird bei solchen Fällen ein Aufkaufdurch den Staat später unumgänglich sein.

9. Ist denn bei der Fülle der Arbeit auch etwas Zeit geblieben,wandern zu gehen oder eine Klettertour zu unternehmen?

Und ob!

Wer den hohen Natürlichkeitsgrad unserer ostsächsischen Landschaft draußen noch einmal erleben will, muß sich mit seinen Wanderungen dorthin beeilen, ehe es zu spät ist.

Da haben eben der Schusterweg am Falkenstein oder Gühnekamin an der Vorderen Kleinen Gans leider immer wieder das Nachsehen...

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Graf. Wir wünschen Ihnen sicher im Namen aller unserer Leser weiterhin alles Gute und Kraft für Ihr Engagement für den Naturschutz, für den Wald und für die Sächsiche Schweiz.

Mit Dietrich Graf sprach Peter Rölke.


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